Hier spiel die Musik

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Duo Klak – Stefan Kollmann und Markus Fellner

In einem Punkt ist das Lavanttal typisch kärntnerisch: Es wird gern und gut g’sungen und g’spielt. Heiter bis wehmütig. Warum das so ist, weshalb der Blues ist vermutlich dennoch nicht in Kärnten erfunden worden, wie sich das glasklar erklären lässt und andere Überlegungen über die Liebe der Lavanttalerinnen und Lavanttaler zur Musik.

Drei Kärntnerinnen bzw. Kärntner, ein G’sangsverein. Das Bonmot gilt auch für das Lavanttal. Mehr als 25 Chöre, Singgemeinschaften und Sängerrunden gibt es offiziell im Tal. Von sonoren Männergesangsvereinen, fröhlichen gemischten Chören, engelsgleichen Quartetten bis zu jungen A-capella-Ensembles, die nicht nur bei Konzerten singen, sondern auch bei den zahlreichen Kirtagen und Sommerfesten von Feuerwehr, Sportvereinen etc.

Über das Verhältnis der Kärntnerinnnen und Kärnter zu ihrer Musik könnte man Bände füllen. Und es gibt kaum jemanden, den der einzigartige Klang von einer melodieführenden Stimme und drei oder vier Randstimmen nicht berührt. Das geht richtig ins Herz, schwärmen die einen.

Ja, schon, geben die anderen zu. Aber mehr als ein Lied wäre schwer auszuhalten. Zwei vielleicht, zu Weihnachten, wenn allgemeines Stillhalten angesagt sei. Da läge so viel Trauer drin, Schwermut und Andacht. Selbst die Liebeslieder würden mehr vom Warten und Sehnen erzählen als von den Wonnen.

Mag schon stimmen. Aber.

Wer damit aufgewachsen ist, mag die langsam vorgetragenen Elogen und Hymnen an die Liebste und das eigene Tal nicht missen, von denen Evergreens wie „Gern hobn tuat guat“ bis „Wenn i eineschau, in mei Lovntol“.

Mit dem Blues hat das alles weniger zu tun. Schließlich beginnen geschätzte 90 Prozent aller Blues mit „I wake up this morning …“ Das Aufstehen und das Heute haben im Kärntnerlied – gefühlt – weit weniger Gewicht als das Schlafengehen, idealerweise zu zweit, und, eh schon wissen, die Sehnsucht nach allem, was man besingen kann.

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Maria & Helmut Thomas Stippich

Warum hier gesungen wird? Ganz einfach: Weil es den Menschen im Süden gefällt und der Nachbarschaft im Ort ebenso. Weil sie’s im Blut haben und in der Seele. Weil die tradierten wie die neuen Kärntnerlieder offensichtlich gut als Ventil funktionieren, um Freude, Liebe, Trost und Trauer angemessen auszudrücken.

Ob man nun selbst singt oder nur zuhört. Und vielleicht ist ja ein Fünkchen Wahrheit an der These der Kärntner Kabarettistin Birgit Radieschnig, die dem harmonischen Vierklang sogar „gewaltpräventive Wirkung“ nachsagt. Stünden vier Kärntner zu- sammen, sinke das Risiko, dass sie sich prügeln, weil sie gleich zu singen anfangen.

Gesungen hat man hier jedenfalls schon seit langer Zeit. Nachzulesen in den Reisetagebüchern des Paolo Santonino, eines Edelmanns aus Umbrien, der 1485 als Sekretär des Bischofs von Caorle nach Kärnten kam, und aufschrieb, was er sah und – hörte. Gudrun Wassermann, die der Geschichte und Entwicklung des Kärntnerlieds nachgegangen ist, schreibt von der „Weichheit der Melodie […] Nichts ist schroff, alles ist ausgeglichen.“ Was vermutlich auf den Einfluss der slowenischen Kultur zurückzuführen ist, die den Südkärntner Raum geprägt hat.

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Gemischter Chor Maria Rojach

Die in Slowenien typische Art des Singens sei teilweise auf die deutschsprachigen Lieder übergegangen. Und beide weisen Charakteristika auf, die anderswo in Österreich nicht zu hören seien, erklärte der Musikethnologe Engelbert Logar kürzlich in einem Radiointerview. Bestimmte Tonfolgen, Molltöne, die Vierstimmigkeit und die Überstimmen. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts hätten sich das slowenische und das deutschsprachige Kärntnerlied auseinanderentwickelt. Das slowenische Volkslied wurde quasi als Alltagsgut weitergepflegt. Im Gegensatz dazu wurde das deutschsprachige Lied von bürgerlichen Kreisen entdeckt, verschriftlicht und neu komponiert. Als später der Nationalismus einen Keil zwischen die beiden Volksgruppen in Kärnten trieb, wurde das Liedgut zum politischen Vehikel auf beiden Seiten.

Viele Chöre des Tales sind – wie in anderen Teilen Kärntens – im sogenannten Sängergau zusammengefasst. Den Namen finden offensichtlich nur Auswärtige nicht mehr zeitgemäß. Höhepunkt des Vereinslebens im 1924 gegründeten „Sängergau Lavanttal“ ist das alljährliche „Gausingen“. So irritierend der Name klingt, der Gedanke des Festes mutet zeitlos schön an: Gemischte Chöre, Männergesangsvereine und kleinere Ensembles treffen sich jeweils an einem anderen Ort des Tales, um im friedlichen Wettstreit ihr Bestes zu geben.

Das Fest ist ein Ohren- und Augenschmaus. Denn anders als bei den Vögeln, wo die Männchen sich durch buntes Gefieder hervortun, sind es im Lavanttal die Frauentrachten, die im Kontrast zu den braunen Kärntner Anzügen der Männer alle Farben spielen. Rotes Leibl, schwarzer Kittel, goldener Brokat für die Schürze, das Ganze in Grün, Blau, Schwarz, gemustert. All das ist möglich.

Das gilt auch für das Repertoire. Neben alten und neuen Kärntnerliedern haben Chöre wie der Bezirksjugendchor, Chorus Paradisi oder der Heimatklang Bach aus dem Süden des Tales anspruchsvolle Madrigale und internationale Chorliteratur im Programm.

Und dann gibt es junge Vocal Bands. Beispielsweise Die Neffen von Tante Eleonor, Caramusica oder Rockvoices mit einem Faible für Pop und Rock. „Uns geht’s um Emotion“, so Stefan Wuggenig, der mit seinen jungen Ensembles seit Jahren erfolgreich beweist, dass sich die Lavanttaler Stimmen auch für Songs von Queen, Michael Jackson oder Phil Collins eignen.

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Die Jungen Fidelen Lavanttaler

G’sungen und g’spült. Das hat nach wie vor in vielen Orten des Tales Tradition und in vielen Familien wird die Liebe zur Musik offensichtlich vererbt. Etwa in der Familie Prinz: Gerhard – Musiker, Musiklehrer und Komponist von Oratorien, Chorwerken, Kammermusik und unzähligen Kärntnerliedern – und die ausgebildete Musikerin Elisabeth gaben ihre Freude am Musizieren an ihre Kinder Meinhard, Christof, Johannes und Angelika weiter.

Oder Siegi Hofmann, Musikpädagoge und künstlerischer Leiter des St. Pauler Kultursommers, der den Heimatklang zu einem weithin bekannten Chor entwickelte. Nach 40 Jahren übernahm vor einigen Jahren Tochter Anna den Taktstock.

Die Jungen Fidelen Lavanttaler, Enkel der legendären Brüder Urach, die ihr Publikum jahrzehntelang mit Evergreens made in Lavanttal unterhielten, unterscheiden sich in ihrer Spielfreude um nichts von den Vorfahren.

Und auch Helmut Stippich, Gründer des legendären Eitweger-Trios und Komponist der inoffiziellen Kärnten- Hymne „Vom Glockner bis zur Koralm“, vererbte Freude, Talent und Vielseitigkeit an seinen Sohn weiter. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Maria, ebenfalls Lavanttalerin, zog Helmut der Jüngere nach Wien, wo Stippich & Stippich nun mit ihren Wienerlied- Interpretationen Erfolge feiern.

Dass Gesang und Instrumentalmusik im Lavanttal noch immer gepflegt werden, liegt nicht zuletzt an den Musikschulen des Tales. Dort sind Menschen am Werk, die den jungen Talenten mit viel Engagement und Verständnis begegnen. Moderne Musikpädagogik statt Drill.

Und dann sind da noch Akkordeonist Klaus Paier und der Saxophonist Edgar Unterkirchner, die zu den international erfolgreichsten Musikschaffenden des Tales zählen. Oder Stefan Kollmann (Akkordeonist) und Markus Fellner (Klarinette, Percussion), die als Duo [:klak:] brillieren. In ihren Kompositionen und Interpretationen bauen sie Brücken zwischen den verschiedensten Ufern der Musikwelten und schaffen damit faszinierende Klangerlebnisse.

Akustische Bodenproben aus dem Lavanttal findet ihr auf der YouTube-Playlist Lavanttal Storys.

Fotos: Stippich, Proprenter, Junge fidele Lavanttaler, Gemischter Chor Maria Rojach