Über das vermutlich wichtigste kirchliche Fest Kärntens, Palmbuschen, Weihschwamm und andere Osterbräuche aus dem Lavanttal.
Festessen und traditionelle Speisen haben im Lavanttal gute Chancen, Zeiten zu überleben, in denen der sonntägliche Kirchgang von der Laufrunde ums Feld oder der Bike-Tour auf die Alm abgelöst wird.
Es gibt sie noch, die Menschen, für die ein Sonntag ohne Messe kein Sonntag ist, aber die Zahl schmilzt. Wie überall. Was hingegen nach wie vor hochgehalten wird, sind das Hochzeitsmahl, bei dem sich die Tische biegen, und Rindfleisch und Semmelkren bei der „Gstattung“, Synonym für den Leichenschmaus. In vielen Familien werden die weihnachtlichen „Piggalan“ hergestellt, eine in Rum oder Schnaps getränkte Süßspeise, für die es im Lavanttal vermutlich so viele Rezepte wie Haushalte gibt. Und ohne geweihtes Fleisch kein Ostern, das wahrscheinlich wichtigste Fest im Jahreskreis.
So kam es, dass am frühen Nachmittag des 11. April 2020 Bischof Wilhelm Krautwaschl den Osterspeisen via ORF seinen digitalen Segen erteilte. Abertausende hungrige Kärntnerinnen und Kärntner, die sich in anderen Jahren am Karsamstag – ebenso herausgeputzt wie ihre proppenvollen „Weichkörbl“ – in Kirchen und vor Kapellen getroffen hatten, harrten nun andächtig vor dem Fernseher auf das Ende der Litaneien. (Einige tausend Weihfleisch-Gläubige aus der Steiermark taten es ihnen übrigens gleich, denn auch dort ist Ostern ohne das lieb gewonnene Ritual unvorstellbar.)
„Das achte Sakrament“ titulierte es ein Zugereister vor Jahren, als er zum ersten Mal die Weihe vor dem österlichen Völlern miterlebte. Selten habe er so viel Innigkeit und Ernsthaftigkeit erlebt. Der Vollständigkeit halber sei angemerkt: Er ließ sich schnell bekehren und bekennt sich seither zu Fleischweih und Weihfleisch.
Palmbuschen
Das ausgiebige Fastenbrechen ist definitiv der Höhepunkt der österlichen Rituale, die traditionell mit dem Palmsonntag beginnen. Genauer davor. Denn in den Tagen vor der Karwoche werden Palmkätzchen-, Buchsbaumzweige und Weidenruten gesammelt, die dann zu kunstfertigen Palmbuschen in unterschiedlicher Größe verarbeitet werden. Mit Bändern, Kräutern, kleinen Äpfeln und Brezel geschmückt, je nach Geschmack und Familientradition.
Man sieht kleine Palmbuschen mit geflochtenen Handgriffen und große, oft meterhohe Palmbesen, die von ihren Besitzern – ja, es sind Burschen – bei der Messe am Palmsonntag in die Höhe gestemmt werden. Eine Frage der Ehre.
Noch immer gilt der Palmbuschen als Segensbringer: Im Hergottswinkel überm Esstisch, an der Stalltür, an den Feldrändern und im Ofenfeuer, mit dem das Osterfleisch gekocht werden soll – überall findet man das „Buschkawetl“ auch heute noch. Es soll Unwetter abhalten, Schmerzen lindern, für gute Ernte sorgen und im Übrigen die Familie und das liebe Vieh vor allen Übeln bewahren. Ein Beispiel von vielen, das zeigt, wie sich heidnische Fruchtbarkeits- und Opferrituale nahtlos in die christliche Kultur einfügten. Gerade im Frühling, wenn die Natur wieder erwacht und Tag für Tag etwas grüner wirkt.
Das Fasten nimmt man – je nach Nähe zur Religion mehr oder weniger ernst. Für die Kinder wird’s jedenfalls am Gründonnerstag interessant, wenn die Glocken nach Rom fliegen und sie mit ihren hölzernen „Ratschen“ unterwegs sind. Solange sie Lust haben, dürfen sie um 6, 12 und 18 Uhr mit ihren hölzernen Klappern lärmen und dafür Süßes und Geld einsammeln.
Weihschwamm
Lukrativ ist auch das Weihschwamm-Schwingen am Ostersamstag, wenn in aller Herrgottsfrüh das geweihte Feuer für den Osterschinken zu holen ist. Dann rücken die Kinder mit den Baumschwämmen an, die sie rechtzeitig gesammelt und an einem Draht fixiert haben, damit sie sich später keine Brandblasen holen. Den trockenen Schwamm legen sie in die Glutschale vor der Kirche, wo der Schwamm Feuer fängt.
Sofort nach dem Segen flitzen die Kinder mit dem rauchenden Teil davon. Die Glut darf nicht ausgehen. Daher schwingen die Kinder den glosenden Schwamm auf dem Nachhauseweg mit kräftigen Schwüngen hin und her. Ein Kunststück, aber es lohnt sich. Denn die Tradition besagt, dass die jungen Herrschaften fürstlich entlohnt werden, wenn sie das Feuer zu Oma, Tanten,
Nachbarinnen und schließlich nach Hause bringen. Mit der Glut wird nämlich das Herdfeuer entzündet, auf dem später der Osterschinken und andere fleischliche Genüsse vor sich hin köcheln.
Weihfleisch und Fleischweih
Mit derselben Glut wurden bis zum April 2020 spätabends dann auch die meterhohen Reisighaufen entzündet, die seit Menschengedenken zum österlichen Brauchtum des Lavanttals zählten. Beim Anzünden – so will es der Brauch – murmelt die Runde um den Osterhaufen noch Vaterunser und Rosenkränze. Später, wenn das trockene Holz lichterloh brennt und stundenlang weniger wird, verliert die Stimmung in der Regel das Feierliche und geht in Richtung Party. Aus diesem Grund erinnerte die damals zuständige Landesrätin an die coronabedingten Abstandsregeln und appellierte an ihre Landsleute eindringlich, keine Osterfeuer zu entzünden. So schaffte ein Virus, was Argumente für die CO2-Reduktion nicht geschafft hatten.

Aber zurück zu Erfreulicherem: zur Osterjause, respektive zum Weihkorb. Geselchtes, Würstel, Speck und Rindszunge, Salz, Kren, der obligatorische Reindling und die Eier für die Ministrantenschar. Alles kommt in einen Korb, darüber ein aufwändig besticktes Tuch, das in vielen Familien nur einmal im Jahr aus dem Kasten geholt wird, und ein paar Frühlingsblüten. Früher einmal, so erzählt man sich, nutzten Bauersleute die Fleischweihe auch zur Imagepolitur. „Je größer der Korb, umso reicher der Bauer“, hieß es. Damit sich die Jause unter dem bestickten Tuch wie ein dicker Bauch wölbte und sich deutlich von den Körben der Konkurrenz abhob, soll es schon vorgekommen sein, dass Würstl & Co auf einer Schicht Steine lagen …