Am 10. Oktober legt ganz Kärnten Gelb-Rot-Weiß an. Überall flattern die Fahnen und erinnern an die Volksabstimmung 1920. Damals sprach sich der überwiegende Teil der Stimmberechtigten für einen Verbleib großer Teile des Landes bei Österreich aus. Deutsch- wie slowenischsprachige Kärntnerinnen und Kärntner.
Wer die Drau in Lavamünd quert, steht auf zweisprachigem Gebiet. Über den Grenzübergang südlich des Ortes pendeln täglich Menschen aus Slowenien nach Lavamünd. Sie arbeiten im Lavanttal, liefern oder kaufen ein. Doch während die jungen Leute jenseits der Grenze Deutsch lernen, wird Slowenisch in den grenznahen Schulen des Unteren Lavanttals nicht einmal als Wahlfach angeboten.

Die Ursachen dafür sind vermutlich in den Kämpfen, Tragödien und Verletzungen zu suchen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Leben in Lavamünd prägten. Diese Ereignisse ließen vergessen, dass der Ort über Jahrhunderte friedlich mit seiner Nachbarschaft ausgekommen war und sich aufgrund der Topografie eher nach Süden als nach Norden hin orientierte. Der Weg nach Unterdrauburg/Dravograd war zu Land, zu Wasser oder per Bahn viel weniger beschwerlich als der Aufstieg über die steile „Wotzing“ am Ortsende von Lavamünd, wo Schwerfahrzeuge noch heute an den 12 Prozent Steigung scheitern. Seit 1849 gehörte der slowenische Markt wie Lavamünd zum Bezirk Wolfsberg und 1880 zählten sich in Unterdrauburg 70 Prozent zur deutschsprachigen Bevölkerung.
Der Frieden endete 1918, als nach dem Zusammenbruch der Habsburger-Monarchie die Grenzen der neu gegründeten Republik Österreich festgelegt werden sollten. Während Siegermächte und Nachfolgestaaten des einstigen Riesenreiches ihre Ansprüche auf der Konferenz von St. Germain auf den Tisch legten, drangen Truppen des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen weit in Kärntner Gebiet vor und beanspruchten die slowenisch bevölkerten Teile der jungen Republik. Als SHS-Truppen im Dezember 1918 Teile Südkärntens besetzten, begann eines der traurigsten Kapitel der Kärntner Geschichte. „Abwehrkampf und Volksabstimmung“ – so auch der Titel der Gedenktafel bei der Lavantbrücke in Lavamünd, die die Ereignisse von damals kurz und sachlich in Erinnerung ruft.
Anfang Dezember 1918 wurde das Lavanttal besetzt, worauf sich Freiwillige aus mehreren Gemeinden den Angreifern entgegenstellten. Man schloss einen Waffenstillstand, den die SHS-Truppen an den Weihnachtsfeiertagen brachen. Am 27. Dezember waren die Lavanttaler Gemeinden St. Paul, Ettendorf und Lavamünd befreit. Doch im April 1919 brachen die SHS-Truppen den Waffenstillstand erneut, die Kämpfe rund um Lavamünd flammten wieder auf und hielten bis Mai 1919 an. Im selben Monat beschloss die Friedenskonferenz in St. Germain eine Volksabstimmung, die ein eindeutiges Votum für den Verbleib der umstrittenen Gebiete bei Kärnten bringen sollte: In Lavamünd stimmten am 10. Oktober 1920 92,9 Prozent für Österreich.

Wenige Jahre später trieb der Nationalsozialismus wieder einen Keil zwischen die benachbarten Länder und hier wie dort betrauerten viele Familien ihre Verletzten und Toten. Nach Kriegsende verheilten die Wunden der Gräuel nur langsam. Kaum jemand sprach darüber, aber im Verborgenen kämpften beide Seiten mit den Traumata und den Narben von damals. „Kein Bundesland in Österreich und kaum ein europäisches Land stellt in seiner Gedenkkultur die Grenze so in den Mittelpunkt wie Kärnten,“ schreibt der Pädagoge, Theodor Domej, mit dem Fokus auf Geschichte, Kultur und Sprache der Kärntner Slowenen in einer Publikation zum 100-Jahr-Jubiläum der Kärntner Volksabstimmung.
Wie schnell vergangen geglaubte Ängste wieder aufleben, war im Juni 1991 spürbar, als Kampfbomber der jugoslawischen Volksarmee die Grenzüberg.nge Lavamünd und Dravograd angriffen und österreichische Soldaten ausrückten, um die Grenze zu sichern. Plötzlich war die Angst wieder da.
Die faktenbasierte Aufarbeitung der Auseinandersetzungen hat wesentlich dazu beigetragen, dass sich die starren Fronten aufweichten. Menschen beider Seiten begegnen sich heute entspannter, wie bei der Recherche zu diesem Buch spürbar wurde. Das „Miteinander“ zog sich auch wie ein roter Faden durch die Veranstaltungen des 100-jährigen Jubiläums der Volksabstimmung. Unter dem Titel „CARINTHIja 2020“ waren Privatpersonen, Vereine und Institutionen eingeladen, sich auf den Blick zurück und in die Zukunft einzulassen und sich mit eigenen Ideen zu beteiligen.
Das Echo war groß, die Liste der Projekte unendlich lang und hätte nicht die Pandemie die Umsetzung erschwert, wären noch viel mehr Vorhaben realisiert worden. Eines der Projekte, die auch nach 2020 für Verständigung stehen, heißt „BRÜCKEN BAUEN. GRADIMO MOSTOVE“. Das Konzept stammt von Gerhard Leeb, der die vorhandenen zwölf Draubrücken und drei Verbund-Kraftwerke nutzen wollte, um Brücken zwischen und mit den Volksgruppen zu spannen.
Die künstlerische Intervention auf der Lavamünder Draubrücke gestaltete Tanja Prunik. Die in Wolfsberg geborene Künstlerin und Architektin entwarf Texte und Grafiken, die sich mit der Zeit, dem Wasser und der Brückenfunktion beschäftigen. Wort und Bild sind auf transparenten Tafeln foliert und verschmelzen auf diese Weise mit der Landschaft und dem Fluss im Hintergrund.
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