Über die Pack

Lavanttal Reiseführer Packer Bundesstraße(

Römische Heere, Weinhändler, Schmuggler, Napoleons Truppen, rauchende Autos und Reisebusse – alle zogen über die Hochalpenstraße.

Offiziell heißt sie B70, fängt mitten in Graz an und endet am Ring um die Klagenfurter Altstadt. Auf dem Teilstück zwischen dem kärntnerischen Twimberg und dem steirischen Edelschrott sind neben den Einheimischen, die täglich ins Tal und zurück zur Arbeit fahren, heute vor allem Radfahrer, Bikerinnen und Ausflügler unterwegs. Wegen der Serpentinen und der Aussicht.

Der Bau der gigantischen Kehren stellte Planer und Straßenbauer seinerzeit vor große Herausforderungen und galt neben der Errichtung der Großglockner Hochalpenstraße als eines der wichtigsten Straßenbauprojekte der Ersten Republik. Die Zeitungen berichteten damals fasziniert von den technischen Meisterleistungen der fast sieben Meter breiten „Autofahrstraße“: von der Entwässerung der sumpfigen Böden im Graben, den Kehren, die die Neigung verringerten, den massiven Stützmauern, Dammschüttungen und Gewölbegalerien. Und von den Hoffnungen der Fremdenverkehrsverantwortlichen.

Durch die Erbauung dieser beiden Verkehrswege würde Kärnten erst so recht dem Autoverkehr erschlossen, prophezeiten sie.

Vom Umpacken und Weinheben

Verständlich, wenn man die maroden Brücken und den steilen, ungeschotterten Weg auf alten Schwarzweißfotos sieht, den die neue Höhenstraße ersetzen sollte. Dass die Verbindung über die Pack jahrhundertelang als wichtige Handelsverbindung funktionierte, mutet aus heutiger Sicht unglaublich an.

Tatsächlich waren hier römische Legionen unterwegs, im Mittelalter karrten Kaufleute ihre Waren über den Alpenpass. Eisenglimmer wurde aus dem Lavanttal in die Steiermark gebracht und die Säumer – so der o!zielle Name der Weinlieferanten – führten steirischen Wein nach Kärnten. Daher Saumweg. Unweit von Preitenegg, auf der Pack und der Hebalm, wurde umgepackt bzw. umgehoben. Die Erinnerung daran blieb in den Ortsnamen erhalten.

Die Maulesel wären vom anstrengenden Aufstieg erschöpft, lautet eine Begründung fürs Umpacken. Alles nicht wahr, lautet die zweite These: „paka“ kommt aus dem Slawischen und bedeutet so viel wie Hügel.

Wie dem auch sei. In Preitenegg wurde jedenfalls Maut eingehoben. Ein einträgliches Geschäft für die „Weinmaut am Praitenegg“. Vor allem, als der Weinbau im Lavanttal zurückging und die Nachfrage nach steirischem Wein stieg. Die Mautstelle blieb bis ins 19. Jahrhundert erhalten und noch heute erzählt man sich von Handgreiflichkeiten zwischen Einnehmern und Schmugglern.

Im 16. Jahrhundert fuhren die Postkutschen regelmäßig von Klagenfurt nach Graz durch Preitenegg, später mühten sich Napoleons Truppen durch den engen Waldensteiner Graben über den unwegsamen Alpenpass hinauf und hinunter nach Graz. Die gefährliche Strecke beeindruckte auch Reiseschriftsteller. „Der Weg ist beinahe immer abschüssig“, schrieb der Literaturhistoriker und Dichter Hoffmann von Fallersleben 1834 über seine Fahrt von Preitenegg hinunter ins Tal. „Viele Menschen zu Ross und zu Wagen fanden hier schon ihren Tod. Alles zerschmetterte und stürzte in die Tiefe hinab. Endlich gegen Mittag erreichten wir den Engpass, der Graben genannt. Ein sehr schmaler, oft nur von Steinen locker aufgeführter Weg zieht sich rechts an hohen Felswänden hin und links an einem brausenden Gießbache. Die drohenden Felsstücke, das wüste Flussbette, die dunklen Baumgruppen, hin und wieder im Thale rauchende Schmelzhütten und pochende Eisenhämmer, auf den Höhen verfallene Burgen – alle diese mannigfaltigen Erscheinungen ließen mich das wirklich Gefahrvolle des Weges vergessen.“

Lavanttal Reiseführer Packer Bundesstraße(2)

Die Hochalpenstraße

Immer wieder hatte es Überlegungen gegeben, diesen unwegsamen Alpenübergang zu sanieren. Ebenso oft verwarf man die Pläne. Zwei Gründe gaben schließlich den Ausschlag dafür, dass man sich Anfang der 1930er-Jahre doch für das ambitionierte Bauprojekt entschied.

Zum einen fielen Teile der Untersteiermark und Kärntens nach dem Ersten Weltkrieg an den SHS-Staat und die Bahn- und Straßenverbindungen zwischen Graz und Klagenfurt, die bis dahin über Marburg und Unterdrauburg geführt hatten, waren von einem Tag auf den anderen abgeschnitten. Im Sommer kam man auf dem schmalen Weg entlang des Waldensteiner Bachs und hinauf in die Bergdörfer mehr recht als schlecht weiter, im Winter blieb nur der Umweg über Bruck und Neumarkt.

Mit dem Bau wollte die österreichische Regierung nach der Weltwirtschaftskrise auch Arbeitsplätze schaffen. Tonnen von Material wurden in das steile Gelände gekarrt, riesige Gesteinsmassen gesprengt, Steigungen entschärft. Eine gefährliche Arbeit, bei der einige Menschen ihr Leben verloren. Sechs Jahre nach dem Spatenstich war die Packer Höhenstraße fertig. Bei der Eröffnung am 31. Mai 1936 – ein Jahr nach der offziellen Freigabe ders Großglockner Hochalpenstraße – herrschte Jubelstimmung.

Der Kärntner Landeshauptmann Ludwig Hülgerth hoffte auf den „goldenen Segen, den ein kräftig belebter Fremdenverkehr unserer Wirtschaft bringen wird“ und die Automobil-Rundschau empfahl der Leserschaft die Tour auch wegen der sensationellen Aussicht: „Vom obstreichen Lavanttal bis zu den weinreichen Hügeln der grünen Mark; Gebirge um Gebirge, hochfahrend zum südlich glänzenden Himmelgewölbe und jeden beglückend, der es heimsucht.“

Lavanttal Reiseführer Packer Bundesstraße((3)Freie Fahrt

Für das kleine Bergdorf Preitenegg begannen bewegte Zeiten. Denn die Menschen waren mobiler geworden und fanden Gefallen an kurzen Ausflügen. Sie reisten selbst im Auto an oder buchten Autobusreisen. Viele, die zu den Kärntner Seen unterwegs waren, machten hier auf halbem Weg zwischen Graz und Klagenfurt Rast, weil die Motoren heiß liefen und die Fahrer eine Auszeit brauchten. Dazu kamen Ausflügler und Wanderinnen, die von der frischen Luft und der grandiosen Aussicht auf den Almen gehört hatten. Die Wirtshäuser waren gut besucht und die Zimmervermieterinnen zufrieden. Bis der zweite Weltkrieg die Idylle zerstörte.

Es wurde still in Preitenegg. Die Gäste blieben aus, die Kirchenglocke wurde abmontiert, die Männer mussten einrücken. Neu im Bergdorf war nur die Besatzung der Beobachtungsstation, die den Luftraum über der Koralpe überwachte und mit dem Fliegerhorst in Zeltweg in Funkverbindung stand.

In den 1950ern schöpfte das Land neue Kraft und Zuversicht. Preitenegg war wie ehedem beliebte Raststation auf der Strecke zwischen Klagenfurt und Graz. Fernfahrer und Geschäftsreisende legten in den Gasthäusern gerne eine Pause ein und freuten sich bei jeder Kurve, dass sie den legendären Lavanttaler Spezialitäten ein Stück näher kamen. Am Sonntag fuhren viele in das Bergdorf, um Essen und Aussicht zu genießen, und allmählich quartierten sich auch wieder „Sommerfrischler“ ein, die den Ort als idealen Ort zum Luftholen, Wandern und Nichtstun entdeckten.

Es war einiges los im Ort. Genaugenommen, viel. Allmählich viel mehr als den Preiteneggerinnen und Preiteneggern lieb war. Das lag wieder einmal an der Straße. Postbusse, Reisebusse, Personenund Schwerverkehr – so gut wie alles, was vom Süden Österreichs nach Graz in den Norden wollte, fuhr auf der zweispurigen Straße durch den Ort. Im Winter rutschten Südeuropäer mit Sommerreifen aus, Überholmanöver waren schwierig und endeten nicht selten tragisch. Das Problem war auch den Verkehrsplanern außerhalb der Gemeinde bekannt, die bereits am Ausbau der Südautobahn arbeiteten.

1982 wurde die A2 bis Bad St. Leonhard verlängert, Anfang der 90er war der gesamte Autobahnabschnitt durch das Lavanttal fertiggebaut. Seither durchqueren die meisten Reisenden das Tal, ohne die Autobahn zu verlassen. Und den wenigsten, die an der Autobahnrast auf der Pack Halt machen, ist vermutlich bewusst, dass sie gerade bei den größten Wirtschaftsbetrieben des Bergdorfs eingekehrt sind: Oldtimer, dem Autobahnrestaurant und Motorhotel, und der Tankstelle gleich gegenüber.

Fotos: N.N.